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Die Provenienzforschung widmet sich der Geschichte der Herkunft (Provenienz) und der wechselnden Besitzerverhältnisse einzelner Objekte oder Sammlungen. Die Kommission Provenienzforschung und Provenienzerschließung des dbv ist Ansprechpartnerin für alle Fragen rund um die Herkunft von Bibliotheksbeständen.

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Die normierte Erschließung von Besitzzeichen wie z.B. Stempeln, Autogrammen und Exlibris in Büchern und dadurch die Rekonstruktion von Wegen, die ein Buch in die eigene Sammlung genommen hat, wird von Bibliotheken bereits sehr lange betrieben und hat daher einen hohen Grad an Standardisierung erreicht. Besonders Bibliotheken mit umfangreichen Altbeständen widmen sich dem Thema zur Rekonstruktion der eigenen Sammlungsgeschichte. Spezifische Aspekte und historische Zusammenhänge bringen zudem eigene Herausforderungen für die Aufgabenbereiche mit.

NS-Raubgut

In verschiedenen Einrichtungen und Sammlungen in Deutschland befinden sich während der Zeit des Nationalsozialismus verfolgungsbedingt entzogene oder veräußerte Kulturgüter. Das Bewusstsein für diesen Umstand wurde besonders durch die Washingtoner Konferenz von 1998 geschärft. Kurz darauf einigte sich die Bundesregierung zusammen mit den Ländern und den kommunalen Spitzenverbänden in einer „Gemeinsamen Erklärung“ auf Grundsätze zur Auffindung und zur Rückgabe NS-verfolgungsbedingt entzogenen Kulturgutes, insbesondere aus jüdischem Besitz. Sie bezieht sich auf die öffentlich unterhaltenen Archive, Museen, Bibliotheken und deren Inventar und fordert die Verantwortlichen zur Überprüfung,  Erforschung, Dokumentation und ggf. zur Restitution ihrer Bestände auf. Seitdem hat eine wachsende Anzahl von Bibliotheken sich dieser Aufgabe angenommen.

Seit 2008 ist es möglich, für die NS-Raubgutforschung Fördergelder zu beantragen. Seit 2015 können Bibliotheken über die Stiftung Deutsches Zentrum Kulturgutverluste Erstdurchsichten des Bestands und Projekte fördern lassen und dafür Projektmitarbeiter*innen anstellen. Einige Bibliotheken haben zudem Referate oder Sachgebiete für diese Aufgabe eingerichtet. Die Recherchen nach Erben und damit der eigentliche Zweck der Bemühungen, die Entscheidung über eine Restitution, obliegen den einzelnen Einrichtungen. Ein Rechtsanspruch auf die Rückgabe von NS-Raubgut besteht nicht mehr, es geht jedoch darum, für Einzelfälle faire und gerechte Lösungen zu finden. 

Die Dokumentation der Forschungsergebnisse, die neben normierten Provenienzerschließungen auch historische Kontextualisierungen umfassen, geschieht über Bibliothekskataloge, eigens erstellte Datenbanken, Wikis und begleitende Publikationen. Besonders hinsichtlich der Erschließung und der Verwendung von Standards und Normdaten sind bibliothekarische Einrichtungen gegenüber den anderen kulturbewahrenden Einrichtungen wie Museen oder Archiven sehr gut aufgestellt.

Kriegsbedingt verlagertes Kulturgut

Ende des Zweiten Weltkrieges lagerten umfangreiche kulturelle Sammlungen, die aus den vom Deutschen Reich im Krieg besetzen Gebieten stammten, in deutschen Einrichtungen. Die Rückgabe dieser Kulturgüter an die Herkunftsstaaten wurde vorrangig durch die Besatzungsmächte organisiert. Es wurden zudem zahlreiche Kulturgüter aus deutschen Einrichtungen, darunter auch Bücher oder ganze Sammlungsteile aus Bibliotheken in die damalige UdSSR abtransportiert. Diese Kulturgüter wurden von der Sowjetunion als Reparationen für die immensen Verluste durch die Zerstörung während des Ostfeldzuges des Deutschen Reiches gesehen. Ein großer Teil befindet sich noch heute dort, auch wenn es umfangreiche Rückgabeaktionen in den 1960er Jahren an Einrichtungen in der DDR gab. 1996 erklärte ein nationales russisches Gesetz alle deutschen Kulturgüter aus öffentlichen Sammlungen, die in Folge des Zweiten Weltkrieges nach Russland abtransportiert worden waren, zu russischem Eigentum. Daher ist die Frage zum weiteren Schicksal dieser Sammlungen ein völkerrechtliches und diplomatisches Problem. 

Deutsche Kultureinrichtungen bemühen sich um Kontakte mit den entsprechenden Kultureinrichtungen in Russland: Neben dem Deutsch-Russischen Museumsdialog existiert auch der Deutsch-Russische Bibliotheksdialog. Ziel sind eine vertrauensvolle Zusammenarbeit, die Aufarbeitung von Informationen zum heutigen Verbleib von Bibliothekssammlungen sowie gemeinsame Projekte, z.B. zum Zweck der Digitalisierung und damit Zugänglichmachung unabhängig vom physischen Standort einzelner Objekte.

Koloniales Erbe

Seit 2019 ist es für Bibliotheken und andere kulturgutbewahrende Einrichtungen möglich, Projektgelder bei der Stiftung Deutsches Zentrum Kulturgutverluste für Projekte der Provenienzforschung zu Kultur- und Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten zu beantragen. Zugleich hat der neue Fachbereich „Kultur- und Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten“ seine Arbeit aufgenommen.

Dieses Forschungsgebiet steht in Bibliotheken noch ganz am Anfang, erst in den kommenden Jahren werden belastbare Ergebnisse zu Art und Umfang der Sammlungen und Objekte erarbeitet werden. Zur Frage, welche Einrichtungen von Übernahmen aus kolonialen Zusammenhängen profitiert haben könnten, kooperiert der dbv eng mit dem Deutschen Kulturrat und hat Anfang 2019 einen innerverbandlichen Klärungsprozess angestoßen.

DDR Unrecht

In der Sozialistischen Besatzungszone (SBZ) und in der DDR kam es im Kontext der Bodenreform und weiterer Enteignungen zur Beschlagnahme von Bibliotheken aus privatem Besitz und anschließender Übernahme von umfangreichen Sammlungen, besonders aus alten Fürsten- und Adelsbibliotheken. Einige Bibliotheken haben bereits eigeninitiativ Projekte zur Identifikation und die Rückgabe an die Geschädigten oder ihre Erben durchgeführt. Allerdings steckt hier die historische Grundlagenforschung noch in den Kinderschuhen. Eine Möglichkeit zur überregionalen Förderung gezielter Bestandsdurchsichten oder Provenienzforschungsprojekte besteht derzeit noch nicht. Die Stiftung Deutsches Zentrum Kulturgutverluste fördert seit 2017 ausgewählte Pilotprojekte zur Erforschung von Kulturgutentziehungen in SBZ und DDR, welche die Basis für konkrete Forschungsbemühungen einzelner Einrichtungen bilden sollen.

dbv-Kommission "Provenienzforschung und Provenienzerschließung"

Die Kommission "Provenienzforschung und Provenienzerschließung" ist im dbv Ansprechpartner für alle Fragen rund um die Herkunft von Bibliotheksbeständen. Sie strebt an, die zur Erforschung und Erschließung von Provenienzen notwendigen Kompetenzen in Bibliotheken zu schaffen und zu erhalten.Dabei bietet sie Hilfestellung an und vertritt die bibliothekarischen Belange in der Öffentlichkeit sowie gegenüber Institutionen wie dem Deutschen Zentrum Kulturgutverluste. Seit Mai 2017 fungiert die Kommission als Geschäftsstelle des Arbeitskreises Provenienzforschung und Restitution – Bibliotheken.

Um die nachhaltige Dokumentation und das effiziente Retrieval von Provenienzinformationen zu fördern, unterstützt die Kommission die Weiterentwicklung der standardisierten Erfassung und kooperativen Nutzung von Provenienzdaten. Gleichzeitig verfolgt sie das Ziel einer spartenübergreifenden Standardisierung, die Museen, Archive und andere Kulturinstitutionen einbezieht.

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Die Mailingliste dient dem Informationsaustausch des Arbeitskreises "Provenienzforschung und Restitution – Bibliotheken".

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NS-Raubgut, DDR-Unrecht, kriegsbedingt verlagertes Kulturgut oder Koloniales Erbe sind Gegenstand der Provenienzforschung.